Ärztenachrichtendienst im Gespräch mit DIC Geschäftsführer Wolfgang Müller

Windige Händler auf der Suche nach dem schnellen Geld, minderwertige Ware und Politiker im Tiefschlaf: Wolfgang K. Müller hat schon viel erlebt, seit er sich mit seinem Unternehmen DIC auf den Markt für Schutzausrüstung begeben hat. Im Gespräch mit dem änd berichtet der Unternehmer über die Herausforderungen im Geschäft mit Masken, Desinfektionsmitteln und Handschuhen.

Herr Müller, Sie leiten die DIC GmbH in Heppenheim an der Bergstraße (Hessen) und vertreiben unter anderem Medizinprodukte und auch Schutzausrüstung – von Masken über Handschuhe bis hin zu Desinfektionsmitteln. Sind Sie mit der ersten Welle der Pandemie hierzulande in den Markt eingestiegen?
Persönlich bin ich seit 1996 in der Pharma- und Medizintechnikbranche tätig. Seit über 20 Jahren leite ich geschäftsführend internationale Firmen der Medizintechnik, Biotechnologie und des Handels in Deutschland und auf anderen europäischen Märkten. 2020 habe ich die DIC GmbH in Heppenheim gegründet. Der Pandemie-Situation geschuldet, liegt seither der Fokus auf Produkten rund um Pandemieerfordernisse.

Weil große Gewinne zu erwarten waren…
Nein, vielmehr begründet durch das Agieren ungeeigneter Personen bei oft schadhaften Methoden. Bis heute wird versucht, mit ungeeigneten Produkten und überhöhten Preisen den Markt zu erobern. Da steht leider oft die persönliche und rasche Bereicherung im Mittelpunkt.
Es braucht signifikant mehr Unternehmen hierzulande und auch international, die diese fordernden Themen seriös, zuverlässig und mit gebotener Fachkenntnis unterstützen. Das war unsere Antriebsfeder. Wir sind übrigens auch überzeugt: Um seriöse Unternehmen zu unterstützen, ist politisch konsequenteres Agieren unerlässlich und bislang nur unzureichend ersichtlich.

Schon relativ früh wurden ja hier politische Absichtsbekundungen laut, sich unabhängiger vom asiatischen Markt zu machen, was die Lieferung von Masken und Schutzausrüstung betrifft. Haben Sie Unterstützung seitens der Politik erfahren?
Um offen zu sein, nein. Die DIC GmbH hat 2020 auch aktiv geprüft, eine Produktion von Schutzmaterialien zu starten. Politisch fehlten uns aber geeignete Visionen, Strategien und auch Kommunikationsoptionen. Formulierte politische Willenserklärungen genügen bei komplexen Marktgeschehnissen nicht. Die Wahrheit ist bis heute, dass selbst marginale Preisdifferenzen häufig zu Kaufentscheidungen zugunsten preiswerter asiatischer Produkte führen – trotz gesicherter Qualitätsstandards europäischer Produkte. Das gilt für privatwirtschaftliche Institutionen und ebenso für die öffentliche Hand. Hier sind korrektive Maßnahmen bislang nicht spürbar erfolgt.

Der Großteil der Ware kommt also weiterhin aus dem asiatischen Raum, vermutlich hauptsächlich China. Wie entwickeln sich die Preise da gerade, angesichts der zweiten Pandemie-Welle in Europa?
Die globale, europäische und innerdeutsche Nachfrage haben Einfluss auf die Preisentwicklung. Seit Dezember werden die rund 27 Millionen Risikopatienten in Deutschland mit kostenlosen FFP2-Masken beliefert. Bei je drei Masken pro Person und Monat in dem Zeitraum von Dezember 2020 bis April 2021 sprechen wir somit von mehr als 400 Millionen benötigten FFP2-Masken. Zukäufe sind hier unberücksichtigt, ebenso der reguläre Bedarf. Ein aktuell belastender Faktor: das Frühjahrsfest in China. Bekanntlich die wichtigste und zwischen 3 bis 15 Tagen dauernde Festivität. In 2021 schließen Produzenten teils vom 2. bis 25. Februar 2021 die Unternehmen und die logistischen Lieferer beginnen in Teilen bereits ab 15. Januar ihre Auszeit. Im Nachgang ist für rund eine Woche mit Verzug auf Grund aufgelaufener Aufträge zu rechnen. Fracht- und Lieferkosten steigen bereits heute, der Produktionsstopp bedeutet eine erhebliche Verknappung des Angebotes bei internationaler Nachfrage. Dies wird Preissteigerungen mit sich bringen, eine Entspannung ist meiner Beurteilung nach im März zu erwarten. Die DIC GmbH hat ihre Kunden im Vorfeld aktiv informiert und eine Bevorratung für diesen Zeitraum empfohlen.

Was hält Ihrer Meinung nach Unternehmen in Deutschland davon ab, gezielt in die Produktion von Schutzausrüstung einzusteigen. Ist es nicht auch das Risiko, dass die Nachfrage nach der Pandemie plötzlich einbricht?
Lassen Sie es mich so formulieren: Es wäre ratsam gewesen, wenn die Politik Rahmenabkommen mit engagierten Unternehmen geschlossen hätte, um Stabilität in einem derzeit nicht kalkulierbaren Markt – und mehr noch für die Zeit nach Bewältigung der Pandemie – zu ermöglichen. Firmen dürfen mit ihren Investitionen nicht plötzlich im Regen stehen. Abseits schlagzeilenträchtiger Willensbekundungen war dies bislang nicht zu erkennen.

Zu Beginn der Pandemie gab es viel Chaos: Hastig mussten internationale Abkommen zu überhöhten Preisen abgeschlossen werden, um überhaupt an Masken und Desinfektionsmittel zu kommen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Um es deutlich zu formulieren: Das seinerzeitige Geschehen bewerte ich persönlich zu guten Teilen als nahezu kriminell, in jedem Fall den Tatbestand des Wuchers erfüllend. Einige Produzenten, Zwischenhändler und Online-Händler haben sich mit minderwertigen Produkten viel Geld erwirtschaftet. Wir haben jede Lieferung aus Asien genau geprüft und in Augenschein genommen. Ob Masken, Handschuhe oder andere Produkte – zeitweise sind deutlich mehr als 80 Prozent der Waren durch die Qualitätsraster gefallen. Das schockiert mich bis heute. Um ganz offen zu sein: Selbst unserem Unternehmen ist in einem Fall ein ungeeignetes Produkt untergekommen. Im Gegensatz zu anderen Anbietern haben wir sofort reagiert und auf Unternehmenskosten einen kompletten Austausch der Ware vorgenommen. Dies empfinde ich als selbstverständlich und unternehmerisch verpflichtend.
Viele Anbieter werden mit Ablauf der Pandemie rasch vom Markt verschwinden, denn es geht häufig nicht um das Etablieren eines Unternehmens, sondern um das Ausnutzen aktueller Gewinnoptionen zu Lasten betroffener Menschen und den behandelnden Disziplinen. Das kann ich nur als unverantwortlich bezeichnen – und hoffe sehr, dass eine politisch zu initiierende Aufarbeitung und Prüfung der Marktakteure konsequent erfolgen wird.

Wird die gewissenhafte Nachprüfung der chinesischen Waren und Zertifikate denn von dem Großteil der Händler hierzulande durchgeführt?
Dies ist zu häufig nicht der Fall. Unternehmen, welche „eine schnelle Mark“ machen wollten, haben teils wider besseren Wissens und teils aus Unwissenheit minderwertige oder ungeeignete Waren vermarktet. Bis heute sind übrigens derartige Produkte in Kliniken und Praxen in signifikantem Umfang im Einsatz und werden sogar teilweise noch weiterhin vertrieben.
Unser Unternehmen hat mehrere Marktbegleiter aktiv auf fehlerhafte Produkte hingewiesen. Als Resonanz erhielten wir jedoch in keinem einzigen Fall ein Dankeschön für den Hinweis – sondern vielmehr die Aufforderung, uns gefälligst nicht einzumischen und rauszuhalten. Das merke ja eh keiner. Hier fehlen mir bis heute die Worte. Wir haben uns aber nicht heraus gehalten, sondern Marktüberwachung, BfArM / DIMDI, oder zuständige Länderbehörden involviert, um Schaden von Patienten und Anwendern abzuwenden. All dies hat, offen gesprochen, neben dem generellen operativen und beanspruchendem Geschäft viel zusätzliche Kraft und Energie gekostet. Dies haben wir aus Überzeugung und Verantwortungsbewusstsein gerne in Kauf genommen und werden dies auch in Zukunft weiterhin konsequent so handhaben.

Also kein besonders gemütliches Wettbewerbsumfeld, in dem Sie sich bewegen…
Da haben Sie Recht. Erschwerend wird die Lage durch lokale Politik und entsprechende Interessenslagen noch zusätzlich verzerrt. Es gab Fälle, in welchen Kunden – der öffentlichen Hand – zur vollen Zufriedenheit von uns beliefert wurden. Plötzlich wurden die Aufträge gekündigt. Auf Nachfrage hieß es, dass man von politischer Seite erheblichem Druck ausgesetzt gewesen sei, bei anderen, lokalen Anbietern zu bestellen, um Steuern vor Ort zu generieren. Wenn solche Kriterien – unter Vernachlässigen von Qualität und aus schlicht monetären Betrachtungsweisen – eine höhere Priorität eingeräumt wird, finde ich das erschreckend.

Kann denn ein Laie auch minderwertige Qualität bei Masken und Co. entdecken?
Im Grunde kann ein Laie das nicht und dies ist auch nicht seine Aufgabe. Die Verantwortung obliegt den
importierenden und vermarktenden Unternehmen. Ein Laie kann weder asiatische Zertifikate prüfen und validieren, noch um existente Regulatorien wissen. Sorgfältigere Aufklärung und erheblich verbesserte Informationen über verfügbare Produktarten und Anwendungsbereiche hätten aber schon 2020 zu einer erheblich verbesserten Mündigkeit der Nutzer führen können. Hier sehe ich auch heute und in Zukunft ganz erheblichen Handlungsbedarf. Nehmen wir die Schutzmasken: Die KN95-Masken ähneln zunächst den FFP2-Masken. Sie sind aber nach rein chinesischem Standard geprüft und waren zeitweilig per Antrag, Prüfung und Sondergenehmigung in 2020 zur Verwendung gestattet. Diese Sondergenehmigungen sind jedoch längst revidiert und ein Inverkehrbringen somit nicht mehr erlaubt. Es dürfen lediglich bestehende Restbestände verkauft werden. Das weiß jedoch kaum ein Mensch, selbst in medizinischen Disziplinen fehlt oft noch entsprechende Klarheit.

In der ersten Phase der Pandemie war das ja bedingt verständlich, in einer überrollenden und undurchsichtigen Situation. Inzwischen sind wir aber weiter. Öffentliche Kommunikation muss viel klarer, verständlicher und strukturierter erfolgen. Hier ist die Situation bis heute meiner Ansicht nach unzureichend. So erläutert beispielsweise bis heute niemand der breiten Bevölkerung, dass und warum einfache Stoffmasken ohne Filter auf Grund gewebter Struktur ungeeignet sind, einen profunden Schutz zu bieten. Vielmehr entwickelt sich hier geradezu ein Modetrend, aus bestehender Unwissenheit. Hier brauchen wir endlich viel Aufklärung. Natürlich ist alles besser, als keinen Schutz zu tragen. Doch die Wahrheit ist, es gibt klar definierte Kriterien, die einfach zu kommunizieren sind. Das Bessere bleibt immer der Feind des Guten, spätestens, wenn wir über Gesundheit und das Leben von Menschen sprechen, sollte sich jeder Verantwortliche hieran erinnern und nicht das Erstbeste, sondern das Allerbeste zu erreichen versuchen.

Gibt es andere Bereiche, in denen Sie bei der Aufklärung Defizite sehen?
Hier fällt mir sofort der Bereich von Hand- und Flächendesinfektion ein. Es gibt zum Beispiel klare Kriterien, zur Wirksamkeit von Handdesinfektionsmitteln gegen Covid-19. Es bestehen Empfehlungen seitens des RKI und Richtlinien der WHO. So wird ein Ethanolgehalt von mindestens 72 Prozent formuliert. Darunter ist eine verlässliche Wirksamkeit nicht gewährleistet. Werfen Sie einmal einen Blick auf die Zusammensetzung von Produkten in Desinfektionsständen, oder in Privatbereichen eingesetzter Produkte. Sie werden häufig erschüttert sein. Ebenso, wenn Sie den Informationsstand im eigenen Umfeld erfragen. Viele Produkte im Markt erfüllen die Kriterien nicht und Menschen, welche Schutz bieten möchten, oder sich selbst schützen wollen, sind bis heute unzureichend informiert. Wenn man aber nicht um diese Kriterien weiß, wählt man logischerweise das günstigste Produkt, insbesondere bei den absurden Preisen, welche in 2020 teils zum sechs- bis siebenfachen der üblichen Preise aufgerufen wurden. Hier sehe ich ein nicht nachvollziehbares Defizit.

Haben Sie noch einen Tipp für die niedergelassenen Ärzte, worauf sie bei der Bestellung von Medizinprodukten oder Schutzausrüstung achten sollten?
Es macht Sinn, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen oder über Verbände oder Genossenschaften zu bestellen, um den Einkauf möglichst kostenschonend zu gestalten. Ansonsten einfach aufmerksam hinsehen: Es gibt Anbieter, wie zum Beispiel T-Shirt Produzenten, Kosmetikvertriebe, Versicherungsmakler, ja sogar Privatpersonen – wo die Kompetenzen kritisch hinterfragt werden sollten. Unternehmen, welche auch Medizinprodukte vertreiben, müssen zwingend beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – vormals DIMDI – registriert und durch die Behörde bestätigt sein. Mit Bestätigung wird eine Registrierungsnummer zugeteilt. Vor dieser Vergabe ist ein Unternehmen nicht zum Vertrieb von Medizinprodukten berechtigt oder zugelassen. Daran kann man sich zum Beispiel gut halten.


11.01.2021 19:48, Autor: js, © änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Quelle: https://www.aend.de/article/209809